Lieme liegt am westlichen Rand des Lemgoer Stadtgebiets, dort wo die offene Feldflur beginnt und die Bega-Niederung das Gelände nach unten zieht. Diese Doppellage ist der Schlüssel zu fast allem, was wir hier an Befall antreffen. Nach Süden und Westen hin fällt der Ort in die Talaue ab: Grünland, Entwässerungsgräben, Gehölzsäume am Gewässerrand. Nach Norden und Osten steigt er an und geht in Ackerfläche über. Ein Wohnhaus in Lieme steht damit fast immer an einer Kante — und Kanten sind für Schädlinge Wanderwege.
Für die Wanderratte ist die Niederung schlicht ideales Gelände. Sie braucht Wasser, weichen grabbaren Boden und Deckung, und alle drei findet sie am Grabensystem der Bega-Aue. Von dort aus arbeitet sie sich an den Böschungen entlang und trifft in Lieme innerhalb kurzer Distanz auf das, was ihr fehlt: konzentrierte Nahrung. Das sind die Futter- und Getreidelager der Hofstellen, offene Silageanschnitte, Hühnerausläufe und — auf der Wohnseite — Komposthaufen mit Küchenabfällen. Eine Rattenbekämpfung, die nur im Keller ansetzt und den Weg vom Gewässerrand ignoriert, hält deshalb hier selten lange.
Die alten Liemer Hofstellen bringen ihre eigene Bauphysik mit. Sie stehen zum Teil auf Bruchsteinsockeln ohne durchgehende Bodenplatte, ihre Wirtschaftsteile wurden über Generationen erweitert, umgenutzt und teilweise zu Wohnraum ausgebaut. In den Fugen zwischen Alt und Neu — dort, wo der ehemalige Stallteil an das Wohnhaus stößt oder eine Zwischendecke nachträglich eingezogen wurde — entstehen durchgehende Hohlräume über mehrere Geschosse. Mäuse nutzen sie als Aufzug. Wir gehen an solchen Objekten deshalb nicht raumweise vor, sondern folgen der Konstruktion vom Sockel bis zum First.
Auf der anderen Seite des Ortes stehen die Wohnhäuser der Nachkriegs- und Siedlungsjahrzehnte, viele davon mit Satteldach, Kaltdachaufbau, hölzernen Rollladenkästen und einer Sockelzone, die nachträglich gedämmt wurde. Jedes dieser Bauteile ist ein Hohlraum. Wespenvölker gehen im Frühjahr genau dorthin, weil ein Rollladenkasten trocken, dunkel und tagsüber warm ist. Steinmarder nehmen den Kaltdachraum, wenn irgendwo an Ortgang oder Traufblech eine handbreite Öffnung geblieben ist. Und dass diese Häuser in Lieme direkt am Acker stehen, sorgt dafür, dass die Wildpopulation vor der Tür sitzt statt zwei Kilometer entfernt.
Der landwirtschaftliche Kalender ist in diesem Ortsteil an den Anrufzahlen ablesbar. Solange die Bestände stehen, hat die Feldpopulation Deckung und Futter und bleibt draußen. Mit der Getreideernte im Hochsommer und spätestens mit dem Maishäckseln im Frühherbst verschwindet beides innerhalb weniger Tage. Was dann noch lebt, sucht die nächste warme Struktur — und das sind in Lieme die Sockel, Lichtschächte, Garagenzeilen und Gartenhäuser der angrenzenden Wohnstraßen. Wer sein Haus im August auf Zugänge prüft, spart sich im Oktober die Bekämpfung.
Ein Punkt, der in der Niederung häufiger zählt als anderswo: das Artenspektrum am Gewässer. In den alten Kopfweiden, Erlen und Hofbäumen der Bega-Aue sitzen regelmäßig Hornissen, in Scheunen und an Hofgebäuden brüten Schwalben, und Fledermäuse nutzen Spalten in Verbretterung und Dachaufbau als Quartier. Diese Arten sind geschützt, teils streng. Ein seriöser Schädlingsbekämpfer bestimmt in Lieme deshalb zuerst die Art und redet erst danach über Maßnahmen — nicht umgekehrt.
Schließlich die Tierhaltung. Auf mehreren Liemer Hofstellen stehen weiterhin Tiere, es lagern Futtermittel, und angrenzend wird Grünland genutzt. Das schränkt die Auswahl der Verfahren real ein: Köderstellen müssen so gesetzt werden, dass Nutz- und Haustiere sowie Vögel sie nicht erreichen, Behandlungen in Futterlägern erfordern Abstand und Dokumentation, und in manchen Fällen ist eine bauliche Lösung dem chemischen Eingriff schlicht überlegen. Diese Rücksicht ist kein Zusatz, sondern Teil der Aufgabe.